Pippi Langstrumpf und die Machtphantasien

Von Pusteblumenbaby. Abgelegt unter Mamas Erziehung  |   
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Als Kind hörte ich besonders gerne Pippi Langstrumpf Kassetten  :).

Als Kind hörte ich besonders gerne Pippi Langstrumpf Kassetten :).

Ich halte Schweden ja immer noch für ein fortschrittliches Land. In Sachen Kindererziehung schützen sie ihre Kleinen wohl am besten. Das streng durchgeführte Verbot, Kinder zu schlagen, lässt hoffen und Eltern dort können sich überhaupt nicht vorstellen, dass ihnen überhaupt mal die Hand ausrutscht. Diese Wende im Denken wurde nicht etwa durch ewiges Lamentieren eingeleitet, sondern hat auch zu einem großen Teil die Literaturnobelpreisträgerin Astrid Lindgren durch ihre bildhaften Geschichten mit auf den Weg gebracht.

Die Geschichte um Pippi Langstrumpf hatte einen recht zufälligen Ursprung. Lindgrens siebenjährige Tochter war krank, eine gefährliche Lungenentzündung. Weil sich ihre Tochter nun bei der verordneten Bettruhe so furchtbar langweilte, begann Astrid Lindgren, ihr Geschichten zu erzählen. Sie fragte: ”Was soll ich dir denn erzählen?” und ihre Tochter Karin antworte ”Bitte erzähl mir von Pippi Langstrumpf!” Der Name war spontan und ihre Mutter wusste sofort, dass es sich um ein sehr außergewöhnliches Mädchen handelte, dass natürlich nur in der Villa Kunterbunt leben konnte. So erzählte ihr die Mutter tagein, tagaus von dem Kleinen Übermädchen, das mit den Kräften eines Bären, die Bergwelt der Eltern versetzen konnte und immer das letzte Wort behielt.

Früher habe ich mich ja noch über gemeine Kindernamen lustig gemacht, aber Namen sind nun mal von unseren Eltern und wir können uns diese nicht aussuchen. Pippi zeigt mit vollem Selbstbewusstsein, wie wir unsere Namen akzeptieren müssen. Sie heißt Pipplotta, Viktualia, Rollgardina, Schokminza, Efraimstochter Langstrumpf.

Irgendwann erzählte Astrid Lindgren die Geschichte dann nicht mehr nur ihrer Tochter, sondern musste sie auch den Freundinnen und deren Freundinnen erzählen. Auf diese Art wurde Pippi lebendig. Sie war nicht einsam am Schreibtisch geboren, sondern aus den Erzählungen für andere Kinder. Dann irgendwann hatte Astrid Lindgren einen Unfall, der sie selbst ans Bett fesselte und sie begann, die Geschichte aufzuschreiben. Bald schon schickte sie das erste Manuskript an einen Verlag mit einer doch sehr philosophischen Begründung und mit den schließenden Worten:

“In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren!”

Pippi Langstrumpf war damals schließlich ein aufmüpfiges Mädchen, das überhaupt nicht der soldatischen Unterordnung der damaligen Zeit entsprach. Doch Lindgren wusste, was sie tat. Der Brief an den Verleger war mit hoher, philosophischer Überlegung gepaart:

“Pippi Langstrumpf ist [...] ein kleiner “Übermensch” in Gestalt eines Kindes, in ein ganz normales Milieu gestellt. Dank ihrer übernatürlichen Körperkräfte und einiger anderer Umstände ist sie ganz unabhängig von allen Erwachsenen und lebt ihr Leben wie es ihr gefällt. Bei Zusammenstößen mit großen Leuten behält sie immer das letzte Wort.

Bei Bertrand Russell lese ich, dass der vornehmliche und instinktive Drang in der Kindheit das Verlangen ist, erwachsen zu werden oder, besser gesagt, der Wille zur Macht, und dass sich das normale Kind in seiner Phantasie Vorstellungen hingibt, die den Willen zur Macht bedeuten. Ich weiß nicht, ob Bertrand Russell recht hat, aber ich bin geneigt, das zu glauben, nach der krankhaften Beliebtheit zu urteilen, die sich Pippi Langstrumpf in einer Reihe von Jahren bei meinen eigenen Kindern und ihren gleichaltrigen Freunden erfreut hat ….” http://efraimstochter.de/index.shtml

Der kindliche Wille zur Macht also war es auch, der später nach Veröffentlichung des Buches zu radikalen Diskussionen führte. Ein Mädchen, das allein in der Villa Kunterbunt lebt und die Kräfte eines Riesen hätte, könnte doch zu einem schlechten Beispiel für die doch sonst gehorsamen Kinder werden. Diesen Willen der Macht sollten wir wohl so schnell wie möglich bei unseren Kindern unterbinden. Professor John Landquist beurteile das Buch daher folgendermaßen:

“Kein normales Kind isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuss auf Zucker. Beides erinnert an die Phantasie eines Irren.” (Quelle: http://efraimstochter.de/pippis_geburtsstunde.shtml)

Im Weiteren bescheinigte er Astrid Lindgren Talentlosigkeit und Unkultiviertheit. Das Buch sei etwas, dass wie “etwas Unangenehmes [...] an der Seele kratzt”. Neben der schlampigen und vulgären Sprache wäre das Buch vor allem demoralisierend.

Nun, Pippi Langstrumpf ist wohl ein Buch, das sich wirklich mit der Gefühlswelt von Kindern auseinandersetzt und ihre Allmachtsphantasien widerspiegelt. Die Frage ist, wie dramatisch wir diese Machtgelüste zerbrechen lassen müssen. Irgendwann, das ist klar, gibt es naturgegebene Grenzen, die Frage ist, wie Kinder diese tatsächlich erlernen. Vielleicht zeigen solche Mädchen wie Pippi eben gerade die Märchenwelt der Freiheit auf, die träumen lässt, aber umgehkehrt eben auch die Grenze zur Realität erkennen lässt. Die starken Bärenkräfte sind eben ein Spiel, das Kinder gerne spielen, die aber zugleich auch wissen, dass dies ein Spiel ist.

Tja, was bedeutet das nun? Bei den meisten ist Kindererziehung ja immer sehr eindeutig.  Wir müssen allerdings uns noch viel weiter fragen, was letztlich unsere Kinder in ihrer Entwicklung voran bringt und was sie scheitern lässt. Wir machen so vieles richtig, aber interessant ist eher, was wir verkehrt machen. Wir behaupten hier gerne, es lasse sich nichts verallgemeinern und mit Sicherheit ist jeder Einzelfall verschieden. Irgendwo aber ist jeder Einzelfall auch einem anderen ähnlich. Allgemeine Ratschläge gibt es, so wie es klar ist, dass Kinder essen und schlafen müssen. Auch das Kinder einen Anspruch auf gewaltlose Erziehung haben, definiert der Gesetzgeber als allgemeines Gesetz. Auch wenn wir dann den Einzelfall behandeln, verallgemeinern wir unsere Vorstellungen. Ohne Verallgemeinerung geht daher nichts, die Frage ist eher, wie wir uns immer wieder am Einzelfall orientieren.

Nun gut, das interessiert wohl weniger. Ich zumindest halte Pipi Langstrumpf für eine fruchtbare Phantasie, die ich mir und meiner Tochter gerne erlaube. Ich hoffe, ihr seht das ähnlich :)

Alles Liebe

eure Maja

PS: Ich wäre euch super dankbar, wenn ihr bei der Blog- EM 2012 für das Pusteblumenbaby abstimmt. Wir sind in der Gruppe B und hier geht es zur Blog- EM: http://www.blogprojekt.de/2012/05/24/blog-em/blog-em-2012-vorrunde/

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  • lotte

    Juhu die Pippi! :) Ich finde das interessiert alles sehr wohl! Auch ich bekomme mit wie auf Babies und Kinder reagiert wird und ich stelle fest dass häufig ein “Nein das kannst du doch nicht” zu hören ist wenn Baby bspw versucht einen Stuhl zu erklimmen .. das kind weiss das nicht es versucht es einfach und die Erwachsenen reagieren gleich in ihrer neunmalklugen besserwisserei mit einem negativen Kommentar :/ Ich finde so eine Geschichte wie die von der Pippi erlaubt den Kindern sich hohe Ziele zu stecken und an die eigenen Fähigkeiten zu glauben, auch wenn nachher nicht immer alles so klappt, man versucht es wenigstens und hat immerhin ein positives Bild von sich selbst im Gegensatz zu jemandem der dadurch dass er immer wieder zu hören kriegt wo überall Grenzen sind und dass dieses oder jenes nicht geht von vornherein nur an beschränkte Möglichkeiten glaubt! 

    • http://www.facebook.com/people/Maja-Mx/100002163270495 Maja Mx

      Bei Tatii habe ich gelernt, dass die Eltern die alles überwachen, “Helikopter Eltern” heißen. Wobei es manchmal wirklich schwierig ist einzuschätzen, was kann mein Kind nun schon. Ich glaube ich vertraue da manchmal schon zu sehr in die Fähigkeiten meines Mädchen. Wie handhabst du das?

      Liebe Grüße
      Maja

      • lotte

         Jo Helikopter Eltern kommt von den Simpsons glaube ich ^^ Ich bin auf jeden Fall auch immer diejenige die meint “ach lass ihn ruhig erstmal” Ich kann Situationen eigentlich ganz gut einschätzen und wenn ich sehe dass er sich höchstens leicht auf die Nase legen könnte lass ich ihn machen und auch die Erfahrung sammeln dass er sich wehtut wenn ers unvorsichtig angeht!  Sein Vati ist da viel vorsichtiger und würde ihn glaube generell am liebsten nur mit samthandschuhen anfassen. er hat sich noch nie grösser verletzt ausser einmal als der übersvorsichtige papi aufpasste ^^ Ich denke es hilft ungemein Fähigkeiten zu entwickeln wenn vorher schon jemand an sie glaubt!