Die Tigermutter übt Selbstkritik?

Von Pusteblumenbaby. Abgelegt unter Mama und Selbsterziehung  |   
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Wie steht ihr zur Tigermama?

Wie steht ihr zur Tigermama?

Genau verstehe ich die so genannte Tiger-Mutter aus China nicht. Zunächst erzählt sie im Spiegel-Interview, wie sie ihre Kinder zum Erfolg gedrillt hat. Da drohte sie ihren Kindern schonmal alle Kuscheltiere zu verbrennen, wenn sie ein Stück nicht richtig spielen, das andere mal drohte sie mit dem Canceln aller Geburtstage wie auch der Spende des Puppenhauses an das Armenhaus. Bei diesen Erzählungen wundere ich mich, dass die Kinder überhaupt noch mit Puppen spielen durften. Auf der anderen Seite erzählt sie dann, wie sehr sie ihre Kinder liebt. Chinesische Eltern würden demnach das Konzept ihrer Kinder viel besser verstehen.

In einem anderen Artikel heißt es demzufolge auch, dass Chinesische Mütter ihre Kinder durchaus mal als fett bezeichnen, während westliche Mütter ihre Kinder nur andeutungsweise etwas von Gesundheit erzählen und die Kinder am Ende doch in der Therapie enden. Die Autorin erwähnt gar ein Beispiel, wie ein Vater zu seiner Tochter toastete, dass sie sehr hübsch sei und unglaublich schlau, die Tochter aber später berichtete, dass sie sich wie Müll gefühlt hätte. Westliche Menschen sind wohl sensibel soll die Botschaft lauten, im Grund aber habe Drill noch niemandem geschadet.

Bei der chinesischen Tigermutter zumindest durften die Kinder weder bei anderen Kindern übernachten, mit anderen zusammen spielen gehen, in der Schule in einem Theaterstück sein, TV schauen oder Computerspiele spielen, ihre außerschulischen Aktivitäten durften sie ebenfalls nicht wählen, sie durften keine Zensur unter 1 mitbringen, ein anderes Instrument als Klavier oder Violine spielen oder nicht die Violine oder das Klavier spielen. (Quelle: http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704111504576059713528698754.html)

Letztens war hier Kirmes :)

Letztens war hier Kirmes :)

Die ehrwürdige Idee des Kinderdrills kommt aus China. Zwar haben wir in Europa mit der Aufklärung die Idee gehabt, dass die Kinder nicht aufs Feld gehören, sondern in die Schulen, aber die Chinesen haben die Idee des Drills übernommen und übertreiben sie wohl an ihren Schulen. Es stellt sich nur eine Frage: Ist es tatsächlich so, dass die Chinesen übertreiben? Der Erfolg scheint ihnen doch Recht zu geben, schließlich werden die meisten Chinesen ja erfolgreiche Konzertstars und Mathematiker oder?

Es ist wohl wie bei allen intuitiven Argumentationen. Da wird ein Einzelbeispiel überhöht und dies soll nun der Beweis sein, dass die ganze Sache klappt. Die häufigste Todesursache aber unter Chinesen zwischen 20 und 35 Jahren ist auch der Selbstmord, was einen hohen Grad an Verzweiflung unter den Kindern ausdrückt. Aufgrund der massiven Kritik lenkt auch die Tigermama ein. Im Spiegel heißt es hierzu:

“Inzwischen fühlte Amy Chua sich angesichts der landesweiten Empörung jedoch dazu gezwungen, klarzustellen, dass sie nicht alles in ihrem Artikel wörtlich meint. ”Meine Erzählungen sollten ironisch und selbstkritisch sein”, sagt sie der New York Times. Sie selbst sei sehr schlecht darin, das Leben zu genießen, räumt sie ein, ebenso, dass sie sich im Studium nicht gerade als neugieriger, kritischer Geist hervortat: “Ich wollte einfach alles aufschreiben, was der Professor sagte und es auswendig lernen.” Erfolgreich wurde sie trotzdem. Und sie liebt ihre Eltern dafür, sie nach den chinesischen Regeln erzogen zu haben, wie sie betont.

Aber sie verschweigt nicht, dass auch sie mit ihren Methoden manchmal an Grenzen stößt. So weigerte sich ihre Tochter Lulu irgendwann, weiterhin Violine zu spielen. “Es brach mir das Herz, aber ich musste ihr erlauben, es aufzugeben”, räumt die erfolgreiche Mutter ein.” http://www.sueddeutsche.de/karriere/bessere-noten-durch-strenge-erziehung-eine-zwei-voellig-inakzeptabel-1.1047489

Nach wirklicher Kritik an einem zweifelhaften Erziehungsstil hört sich dies nicht an, sondern schwer nach Bagatellisieren. Schließlich sei das Ganze ja nicht massiv gewesen und ihre Kinder wie auch sie wären schließlich erfolgreich geworden. Doch bei dem ganzen Ansatz der Tigermama reihen sich schon die Widersprüche aneinander. Zunächst wie soll es gehen, dass alle Eltern von ihren Kindern verlangen die Besten zu sein, wenn stets nur einer der Beste sein kann? Im Falle von Chuan handelt es sich klassischerweise um die Überhöhung des Einzelfalls, dem wir zu oft im Alltag unterliegen. Wir glauben, dass unsere Erfahrungen die besten sind. Schlagen wir unser Kind und bekommt es eine Eins, so glauben wir, es hätte sie bekommen, weil wir es geschlagen haben. Doch es könnte genauso gut sein, dass der Erfolg seine Ursache nicht im Schlagen hat. Wirklich Aufschluss kann uns nur die Betrachtung von vielen Fällen geben.

Chuan hat ihre Kinder gedrillt und hatte so Erfolge ermöglicht (so lautet die These). Doch wie verhält es sich mit Mozart dessen Leben, nachdem er sich vom überstrengen Vater, der sein Lehrer war, löste, zerbrach. Es gibt derart auch viele Beispiele, wo die Kinder vollständig am Drill der Eltern zerbrochen sind, wie beispielsweise David Helfgott, der am überstrengen Vater seine gesunde Persönlichtkeitsentwicklung verloren hat. Genauso gibt es diesem gegenüber noch die Beispiele von Kindern, die trotz Faulheit erfolgreich sind oder die Beispiele wo Kinder in ihren Familien schlichtweg ein anregendes Milieu vorfanden und sich deswegen für vieles interessierten.

Mit höherer Sicherheit ließe sich die ganze Sache beurteilen, wenn wir uns 1000 Mütter anschauen, die ihre Kinder drillen und 1000 Mütter, die ihre Kinder mit Liebe die Wirklichkeit entdecken lassen. Wählen wir zufällig aus, so erhalten wir verlässliche Werte. Fällt der Unterschied dramatisch aus, haben wir ein eindeutiges Ergebnis, so ist die Sache geritzt.

Doch schauen wir mal auf ein paar Zahlen. Es ist doch frappierend, dass zum Beispiel gerade die skandinavischen Länder mit ihrem sehr freien Erziehungsstil im europäischen Vergleich äußerst gut abschneiden. Doch halt, neuerdings überholen die Chinesen ja selbst die Skandinavier. Kinder aus Shanghai haben die besten Ergebnisse der Welt. Doch schauen wir wieder genauer hin, so besteht der Abstand nicht aus Welten, sondern es sind minimale Abstände und hier müssten wir fragen, ob die strenge Erziehung, die minimal differenten Höchstleistungen wert sind. Die Chinesen vergessen schließlich auch ein paar andere Dinge: Gesellschaften brauchen nicht die Besten, sondern Menschen mit sozialen Fähigkeiten, die mit anderen zusammenarbeiten. Der Einzelkämpfer ist ein Auslaufmodell und dann bleibt natürlich noch die Frage, ob die ganzen Tests in der Schule tatsächlich auf die Anfordernisse des Lebens und der sich verändernden Welt vorbereiten. Wir könnten auch fragen, ob Chinesen nicht einfach nur im Test bestehen, außerordentlich gut sind. Es erscheint mir sinnvoll Kinder in der Schule sogleich mit ihrer Freiheit umgehen zu lassen und wenn dann die Ergebnisse ein wenig hinter den Ergebnissen aus Shanghai sind, so erscheint es mir immer noch sinnvoller als eine Kindheit durch Drill zu verleiden.

Wie schon angedeutet, wandelte auch die Tigermama ihre Ansichten. Nach dramatischer Kritik verkaufte sie ihr Buch plötzlich als Selbstkritik als wäre es eine ironische Darstellung gewesen.

“Chua: Ja. Ich wusste natürlich, dass mein Buch provozieren würde. Aber was jetzt passiert, ist surreal. Die Leute realisieren nicht, dass das Buch die Reise einer Mutter beschreibt. Am Ende stelle ich komplett in Frage, wie ich meine Kinder anfangs erzogen habe. Ich vermute, dass die Sache auch eine geopolitische Dimension hat. Shanghai hat ja gerade überragend in der Pisa-Studie abgeschnitten. Die Dominanz der Chinesen macht vielen Menschen im Westen Angst.”

Nach wirklicher Einsicht hört sich diese Äußerung nicht an. Es bleibt nur zu vermerken, dass die Menschheit nicht durch die besten vorangebracht wird, sondern durch die Menschen, die zugleich die Menschlichkeit nicht vergessen. Schaue ich unter diesen Prämissen nach China, so wären hier durchaus Fragen angebracht. Ich möchte hier nicht rassistisch von chinesischen Lernrobotern sprechen, aber das Ideal der Freiheit als Grundlage für die Entwicklung der Menschheit zeigt sich dort nicht. Genau in diesem Sinne macht den Menschen im Westen aber die Dominanz der Chinesen Angst.

Alles Liebe

eure Maja

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  • Sui Cyde

    Puh – das ist mal ein Thema ^^”
    Ich finds aber gut, dass du das mal ansprichst und darüber schreibst – sowas liest man ja doch nicht so oft.

    Ich muss zugeben, dass ich von dieser chinesischen Mutter noch nie etwas gehört habe *shame on me* – aber das Drill nie wirklich gut ist, sollte jedem klar sein.
    Wer etwas aus freiem Willen macht, wird Spaß an der Sache haben – wer zu etwas gezwungen wird, der wird keinen Spaß haben. Und ich persönlich finde, dass “Spaß” bzw “Freude” wichtig für die kindliche Entwicklung sind!

    Ich war früher im Sportverein, Leichtathletik. Habe mit 5 Jahren angefangen und fand es super! Ich hatte eine tolle Mannschaft, eine nette Trainerin und immer viel Spaß am Training und auch an den Wettkämpfen.
    Klar, meine Mutter hatte mich dort angemeldet – aber hätte es mir nicht gefallen bzw wäre ich bei den Wettkämpfen etc schlecht gewesen, dann hätte sie mich wieder abgemeldet. Ich hab mit 11 Jahren selber aufgehört, weil ich nicht mehr mithalten konnte mit den anderen ;)

    Alelrdings kenne ich auch andere Beispiele… als ich mein Jahrespraktikum in einer OGATA einer Grundschule gemacht hatte, hab ich oft ein kleines 6-jähriges Mädchen trösten müssen, dass nicht nach Hause gehen wollte um 16 Uhr. Weil sie dann zum Geigenunterricht, Balett und Turnen gemusst hätte und das wollte sie nicht, sie hatte da nie Spaß dran und wollte lieber Reiten gehen und Fußball spielen. Das aber wollte ihre über-ehrgeizige Mutter nicht… sie drohte dem Kind sogar mit “Verabredungsverbot” (einer 6-jährigen!!!), wenn sie nicht hingehen und üben würde… das hat mich persönlich echt mitgenommen :(

    Und nun zu China: Irgendwie müssen sie ja aufholen und zur Weltmacht werden, nicht? Man muss sich nur mal diese Drillcamps der Turner anschauen, wo schon Kleinkinder wirklich extrem gedrillt werden, um später mal bei Olympia ne Goldmedialle fürs Land zu holen… dazu muss man ja nichts weiter sagen! :x

  • Wunderbla

    Hey maja!

    Witzig, ich hab selbst letztens noch über dieses Buch und die darin enthaltene Ideologie geschrieben. Vielleicht magst du ja mal vorbeischauen. ( http://tuets.blogspot.de/2012/04/die-mutter-des-erfolgs-oder-so.html )

    Da findest du dann eigentlich auch meine Meinung zu dem Thema, aber ich will sie nochmal zusammenfassen: Diese chinesische Erziehungsmethode ist nicht das, was ich unter einer glücklichen Kindheit verstehe. Und darum geht es mir doch eigentlich. Selbst wenn mein Kind kein Abitur machen sollte. Dann halt nicht! Hauptsache, es ist mit seinem Leben glücklich.

  • Pingback: Ein paar Links, die mir aufgefallen sind, ansonsten bitte ich um gute Quellen – Pusteblumenbaby erziehen